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Von Joschka Fischer zu Guido Westerwelle. Infolge der Bundestagswahl 2009 hat das Generationenbuch
„Rote Zelle – Ashram – Wall Street / Von den 68ern zu den 86ern“ besondere Aktualität erlangt. Wie wurden sie das, was sie sind? Dieser Fragestellung ging ich 2003 in der
Gegenüberstellung zweier Generationen nach, von denen die eine - „Das Kapital“ lesend - die Republik entscheidend veränderte und die andere momentan mit abonniertem „Capital“ im
Aktenköfferchen an die Schalthebel der Macht gelangt.
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Seit den 70er Jahren befinden sich die industriell entwickelten Demokratien des Westens in einer tiefgreifenden kulturellen
Krise, deren Erschütterungen zu Einbrüchen religiösen Aberglaubens, zur Erosion traditioneller Werte und zu schleichenden Legitimationsverlusten der politischen Ordnung führten. Aus diesen Trümmern
erhob sich die Popularphilosophie der Ganzheitlichkeit, die mit ihren „alternativen“ Heilsverheißungen und psychologisch-esoterischen Erlösungshoffnungen inzwischen das Denken, Handeln und Fühlen
vieler Menschen bestimmt. Mit ihrer Hilfe etabliert sich auf der Grundlage von Wohlfühl-Netzwerken, Therapie-, Beratungs- und Fitness-Märkten ein Zustand von sublimer Herrschaft, der in meinem Buch
“Komplex Ganzheitlichkeit - Karriere eines Bluff-Begriffs” als „Psychokratie“ analysiert wird.
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Momentan beende ich die Arbeit an einem kultur- und zeitgeschichtlichen Manuskript mit dem Arbeitstitel
„Die organisierte Obszönität – Person-Humankapital-Plastinat“.
Zum Thema „Verdinglichung des Menschen“ gibt es eine Fülle wissenschaftlicher Literatur. Alle traditionellen Entfremdungs-,
Autoritarismus- und Unterdrückungstheorien aber erklären nicht das heute beobachtbare Phänomen der „glücklichen Unterwerfung und freudigen Selbstausbeutung“. Wie ist zu erklären, warum immer
mehr Menschen in völliger Verstandesklarheit bereit sind, sich selbst zu „vermarkten“ und diese Selbstverdinglichung gefühlsmäßig als „Selbstverwirklichung“ erleben? Oder: Welche Akte
seelischer Verrohung haben Manager und Politiker in sich vollzogen, wenn sie ihre Mitmenschen als „Humankapital“ bezeichnen? In Beantwortung dieser Fragen ist eine Erweiterung bisheriger
Grundannahmen unumgänglich, denn der Kapitalismus zeigt sich derzeit nicht mehr nur als gesellschaftliches Machtverhältnis, Wirtschaftsordnung und politische Struktur, sondern auch als eine
pietätlos-gierige Kulturgesinnung, die das Mitgefühl als „Gutmenschentum“ verachtet und vor der ökonomischen Kolonialisierung der Seele nicht zurückschreckt. Sie rechtfertigt die ganzheitliche
Kapitalisierung des Menschen. Ich sehe darin einen obszönen Angriff auf die Anmut der Person.
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